Ostersleben - der längere Bericht

(Ostern erleben im Osten in Oschersleben = Ostersleben)
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Übersicht

Volker von Buell Hannover machte für das österliche Renntraining in Oschersleben im Forum mal kurz Reklame und prompt hatte er mit seiner Königsbuell genügend Volksbuells um sich herum, um zumindest geräuschtechnisch nicht völlig solo unter den Massen von echten und Möchtegern-Racern auf 4-Zylinderturbinen unterzugehen. Ein Renntraining für den Veteranenfahrzeugverband, ein paar Lizenzfahrern und reinen Laien stand an. Ein Flachländer wie ich muss sich erst wieder an Kurven gewöhnen, und so reiste ich einen Tag vorher an und konnte mich im Harz noch ein wenig warmfahren. Danach entstand dummerweise ein kompromittierendes Foto von petergr auf einer Breitarsch-M2 (sh. unten).

Dann hatten ein paar BORGies und ein paar NichtBORGies auf ihren Buells einen sehr unterhaltsamen Ostermontag in Oschersleben. Die Box 23 hatte mit ihren 6 Buells (2 mal M2 dick, 1 mal M2 elegant, 2mal X1 edel, 1 mal X1 angerattet) nur einen Ausfall, dafür zwischen den jeweils halbstündigen Einsätzen viel Zeit zum Quatschen und Schauen.

Vor der Box baute sich so ziemlich alles auf, was in den letzten 70 Jahren die Rennstrecken der Welt bevölkerte, nämlich Rennmaschinen wie Nortons, Benellis, DKW Blutblase, Kreidlernervensägen, Gileras, filigrane Italiener, Emzetten, Rudge, BMWs, Königswellen- und Eintopfducs. Dazu auch Dosen wie 2-Zylindermonopostos mit Panhard-Boxer, Formel V, olle Alfas und... (bei Dosen kenn ich mich nicht so aus...).

Eine Rudge  

Als wir dran waren, haben die Buells auf der Strecke kein richtig schlechtes Bild abgegeben. Nun waren ja keine Profis am Werk, aber was da so an giftgrünen Kombis, Grün ist die HoffnungKnieschleifern, hektisch auf dem Sitz rumrutschenden "Besser-Fahren-Video"-Anguckern und Extremknieabwinklern ("ich will aber mal auf den Boden!") unterwegs war... Jedenfalls standen Outfit und der Wunsch, ein bestimmtes Bild von sich abzugeben, bei vielen im krassen Widerspruch zu den echten Fahrkünsten. Klar sind die uns auf der Ziel- und Zwischengeraden mit 30-50 Mehr-PS um die Ohren gepfiffen, aber dann haben viele viel zu früh gebremst und schon in der nächsten Kurve waren die Buells wieder dran.

Emsig, wie BORGies sind, waren wir natürlich nicht aus reiner Vergnügungssucht auf der Piste. Nein, es handelte sich um einen Test der Praxistauglichkeit von teilweise unveröffentlichten B4B-Parts. Es gingen an den Start: Donnerbuxen (Schalt- und Bremshebellagerungen von Thunder - aus gutem Grund gut gefettet), Edelstahlkurbel- und Getriebegehäuseentlüftungstank, dicke M2-Gabelbrücke mit gummiertem Fliegenabweiser und ein Schienbeinröstschutz aus schwarz eloxiertem Alu. Per GPS wurden in 1-Sekunden-Abständen Messungen aufgezeichnet, um trotz fehlender Zeitnahme die exakten Rundenzeiten heraus zu bekommen. Außerdem können damit die Kurvengeschwindigkeiten von Runde zu Runde verglichen werden. Hoffentlich komme ich bald zur Auswertung der ca. 5000 Messergebnisse.

Und wie geht's einem selbst mit seinem Mopped?

Dazu ein paar völlig subjektive und total persönliche Antworten:

Wozu ist Rennstreckenfahren gut?

Eigentlich war ich nach Lédenon gar nicht mehr besonders spitz aufs Kreisfahren, weil ich glaubte, dass es in von mir bevorzugten Revieren nichts bringt. Außerdem konnte ich mir diesen Kurs nicht einprägen.

In den Bergen in Serpentinen und kleinen bis mittleren Schlängelkurven fand ich mich schnell genug, habe jahrelang das Hart-In-Die-Eisen-Gehen trainiert und mir damit so manche spurtstärkere Konkurrenz vom Leib halten können. Auf Waldwegen, Sandpassagen und Schotterpisten finde ich mich gar nicht so schlecht mit dem völlig ungeeigneten Gerät. Nur diese hyperschnellen Kurven - da wurde mir irgendwann gezeigt, dass ich 'ne Niete bin. Wo soll man auch schon legal üben, wo bei 180 der Bremspunkt ist, damit die nächste Kurve nicht zu langsam genommen wird. Wo übt man, wie eine 500m-Radius-Kurve, die man bergab angeht und die mittendrin eine Senke hat, optimal angegangen werden kann? Ist klar, braucht man nicht auf dem Weg zur Arbeit, aber es schmerzt schon, wenn eine abgewarzte Guzzi am Horizont entschwindet. Also hatte ich einen sachlichen Grund, mal wieder etwas ohne Rückspiegel zu fahren und der andere Grund war natürlich die reine Vergnügungssucht.

Icke uff M2 - Dank an Klaus Wallbaum fürs Foto!

Ist eine olle 98er M2 geeignet?

Natürlich nicht, denn die Fußrasten liegen zu tief, der Motor mag keine Drehzahl. Bla bla bla bla.....

Mir bringt das Ding trotzdem viel Spaß und ich finde, dass mir die moderaten 3500 bis 4000 U/min in den langen Kurven in tiefer Schräglage ein höheres Vertrauen in die Dosierbarkeit der Kraft geben als 4-Zylinder oder hochdrehender 2-Zylinder à la Duc, RSV, VTR etc. Und dann hat man ja noch die Fußrastensensoren.

Die M2 wurde gar nicht besonders vorbereitet. 61er erleichtertes Pulley, eierbecherloser HSA, extradicke Gabelstabis, Metzeler Sportec M1, Metallsinterbeläge, ein leicht nach vorn gedrehter und etwas schmalerer Lenker, abgeklebter Scheinwerfer, abgebautes Heck (nur 4 Schrauben - geht schneller als Kennzeichen und Blinker abbauen). Die Fußrasten wurden durch Einkleben kleiner Unterlegscheiben leicht nach oben angewinkelt, Schalt- und Bremshebel entsprechend nachreguliert. Da ich nicht sicher war, was die technische Abnahme zur Kopfentlüftung über Filter ins Freie sagt, wurde das Theo-Erwin-Gedenk-System zur Entlüftung eingesetzt (Rex-Politur-Kanister, oben 20 Löcher reingehackt)

Nicht die Reifen zeigten das Kurvenlimit, sondern die harten Schläge von unten auf die Sohlen, wenn die Fußrasten hochkatapultiert wurden (ja, ich weiß - "Häng den Arsch raus!" würde Lucky sagen). sauberes AbriebbildDie M2-Fußrastenanlage ist bei Jens schon in Produktion. Kein einziger Rutscher, nicht mal beim provozierten Slide war drin. Also die M1 Sportec finde ich klasse.

Der HSA hat übrigens nie aufgesetzt. Das Endrohr endet 2mm neben dem Reifen, er wurde in den Langlöchern so weit wie es ging nach oben gezogen und das Heck war über die Federvorspannung ohnehin schon höher als normal. Da ich ohne Gepäck fuhr und in Oschersleben keine Senken in Kurven sind, hat es voll gereicht. Auf öffentlichen Straßen gab es aber schon Bodenkontakt (fußrastenschleifend zu zweit)

Zwei mal hatte ich schon das unschöne Erlebnis eines fast widerstandsfrei zu ziehenden Bremshebels. Davor blieb ich verschont, obwohl die Anlage beim dauernden Bremsen, nach der Geraden aus 180km/h und mit wimmernden Reifen und schlönzelndem Heck - bestimmt gut angewärmt wurden. Mit den Sinterbelägen zeigte sich auch nicht mehr die fast vertraute schlierige Anbläuung auf der Scheibe.

Theo-Erwin-SystemMir ist es einmal, den anderen öfter passiert: Plötzlich fand sich nach hektischem Schalten ein Leerlauf zwischen 3. und 4. Gang. Ich schiebe es aber auf die Hektik und die Positionsänderung, Inkontinentia. Kolbenloch? KW-Getriebe-Dichtung?die man beim Kleinmachen am Beginn der Geraden vornimmt.

Meine M2 hat das gut überstanden. Kein Öl quoll irgendwo raus (bei einer jüngeren Teilnehmermaschine aber schon!), der Motor hörte sich kernig-gesund an, keine Schrauben verloren und der Kanister für die Kopfentlüftung blieb furztrocken. Der Ölverbrauch war nicht messbar, vorne am Motor hing viel Bremsstaub und die Reifen haben einiges an Gummi gelassen. Am meisten dort, wo es auf öffentlichen Straßen nicht gebraucht wird. Die Reifenmitte (die ohnehin zur Hälfte für Ampelsprints im Ersten verbraucht wird) sah noch wie neu aus. Also sind Reifen fast kein Kostenfaktor, wenn man nicht extra Rennreifen draufzieht.

Was fühlt man denn so?

Nun ja, man steht am Start, könnte den Motor im Leerlauf vor sich hintuckern lassen, macht es aber den anderen gleich und zupft dann und wann etwas am Gas, schon um einen Bass ins Gewimmer der giftigen 600er zu mischen. Motor ausmachen - dazu hatte ich keinen Nerv, da unwägbar war, wann die aufgeregt und äußerlich völlig gelöst vorm StartAmpel ihr Rot ausknipst. Natürlich ist man total cool, jeder tut so, als wäre dies auch keine andere Situation als morgens an der Lieblingskreuzung.

Dann geht's los, erst in die Aufwärmrunde, man überholt nicht oder nur fast nicht, einige fahren ihren Instruktoren hinterher, um die Ideallinie zu finden. Im ersten Turn machten das alle, aber ab der 2. halben Stunde war bei den meisten freies Blasen angesagt. Nach einer Runde hatten die Reifen langsam Temperatur, das Öl wahrscheinlich noch nicht, aber die Schmach des Überholtwerdens lässt Dich "einmal ist keinmal" denken und mit mittelwarmem Öl geht's los. Die anfänglichen Ängste verfliegen (die Erinnerung an die blaue GSX, die samt Fahrer vor Dir übern Asphalt rutschte, ist auch verflogen) und ganz langsam dringen die für den Jagdinstinkt zuständigen Hormone in die Birne. Wie in den Dolos, wenn adäquate Opfer gewittert wurden. Der Blick aus der Box

Also am Hahn drehen und darauf vertrauen, dass die meisten langsamer durch die Kurven ziehen, als ihre Reifen hergeben. Schnell hinterher, der eine oder andere wird außen überholt und wenn hinten ein zusammengebundener Zopf raushängt, geht man ein Quäntchen mehr Risiko ein. Die übliche Zermürbungstaktik, wenn man auf normalen Straßen nicht vorbeikommt (aufrecht die linke Hand in die Hüfte stemmen, Füße baumeln lassen, Motor ausgekuppelt hochdrehen, dabei immer 30 cm am Hinterrad des Opfers kleben) fruchtet hier nichts, denn die meisten haben ihre Rückspiegel abgeschraubt und die, die nicht so fit mit dem Werkzeug sind, mussten sie wegen der Splittergefahr abkleben.

Es ist ziemlich schwierig mit dem Überholen. Wenn Du aus einer Links kommst, ist das Opfer natürlich auch links an den Curbs, Du kannst nur rechts vorbei. Da die nächste Kurve aber eine Rechts ist und falls Du bis dahin nicht vorbei bist, kannst Du sicher sein, dass Du hart in die Klötzer gehen musst, weil Dich das Opfer nicht gesehen hat. Das andere Mopped wird keinen Platz lassen und ganz knapp rechts ums Eck gehen. Das ist echt schwierig - also beobachten, wie das Opfer beschleunigt, ob Du sofort vorbeiziehst, dich davor setzen kannst und dann die Ideallinie bekommst oder ob Du bei höheren Geschwindigkeiten mehr Chancen hast. Ich hatte am meisten Erfolg damit, vor Kurven voll vorbei zu ziehen und zu hoffen, dass ich besser bremsen kann. Da Kies im Riemen Gift ist, bin ich nicht ins Kiesbett gefahren. Also konnte ich besser bremsen. Ich glaube, auf diese Weise liefen 65% meiner Überholmanöver, der Rest beim Rausbeschleunigen (da ist eine Buell einfach gut!) und in 2. Spur in langen Kurven. Wenn man erst einmal neben dem Opfer ist, hat man in der nächsten Kurve, wenn sie in Gegenrichtung geht, die wesentlich bessere Position. Man bedenke aber, dass in OC so ziemlich alles fuhr, was fährt. Die Krönung war ein BMW-Cruiser, den man in Kurven deutlich an den Kratzgeräuschen hörte (warum musste der eigentlich nicht seine Scheibe abkleben?).

petergr auf der Geraden

Nach 5 Runden hat man's dann drauf - man ist 105% aufmerksam, spürt das Fahrwerk, achtet auf den Hebelweg beim Bremsen, spürt die Hitze der Beläge, hat es wunderbar drauf, mit der Fußbremse nicht zu überbremsen und in kurzen Kurven zu stabilisieren, die Schaltpunkte sitzen genau und nach 8 Runden bist Du eins mit der Buell, könntest sie knutschen und kannst es plötzlich bewusst genießen, hier über die Piste zu fliegen, weil plötzlich alles automatisch funktioniert, die Mensch-Maschine-Legierung spannungsfrei harmoniert und die Aufmerksamkeit für Randbedingungen zur Verfügung steht, nämlich der Beobachtung der anderen Fahrer - was sie besser machen, wie sie sich verbremsen, wer elegant fährt und wo ein Fahrdepp draufsitzt. Irgendwie ist dann die Aggressivität verflogen und weicht der Kunst. Box 23

Es war eine wahre Wonne, hinter einer Buell herzufahren. Nur bei Volker klappte es nicht mit dem Hinterherfahren. Mit Christian auf X1 - wir haben uns ständig gegenseitig überholt, weil es mehr Zufall war, wie wir an den langsameren Pulks vorbei kamen - war es ein optischer Genuss, zusammen durch die endlos langen Kurven zu schnüren. Dabei fiel der eminente Unterschied zu den anderen Mopetten auf. Eine Buell von hinten ist nichts als der Reifen, ein Fahrer oben drauf und die Ahnung eines angespannten Muskels in Form eines Motors darunter, eingehüllt in eine angenehme Schallwolke. Extrem schmal, nichts schaut seitlich raus (nicht mal ein Knie) und das ganze brummt in Extremschräglage 3 Meter vor Dir durchs Geschlängel. Ganz anders die Heizer: Viel buntes Gedöns, viel zu lesen auf den Kombis, dicke Auspuffrohre stören die Linie und nervös rausklappende Beine. OK, das ist angesagt, aber es hat nichts Harmonisches. Und wieder fiel auf: Die neuesten Kombis, die geputztesten Moppeds, die größten Dainesefüchse hinten auf der Kombi waren nicht unbedingt das Zeichen für Überlegenheit. Denn bei denen mit den größten Füchsen konnte man üblicherweise auch den kleinen Fuchs auf dem Knieschleifer bewundern, wenn man sie außen in der Kurve überholte.

Natürlich wird man auch überholt und von manchen mit Elektrodenabstand und von anderen so, dass man ausweichen oder bremsen muss, damit die nicht über die Wiese geschickt werden. Das macht sauer, denn die vertrauen darauf, dass andere nachgeben werden. Das dürfte aber auch ein Problem sein, das sich nur bei so gemischten Gruppen ergibt.

Wenn es nach der überraschend langen Kurve (das Ende ist hinterm Horizont) wieder auf die Zielgerade geht, weitet sich der Blick enorm. Jetzt geht es darum, das Maximum an Geschwindigkeit heraus zu holen, bis über 6000 zu drehen (da feixt sich Flying Ninja einen!), hart zu schalten, den kleinen Knick in der Linie wegen der Lastveränderungen zu spüren, konzentriert auf die Volkswagenbrücke zu achten und kurz danach bei über 180 unglaublich herzhaft in die Bremse zu langen, in der folgenden Links etwas zaghafter, aber weiter zu bremsen und dann wieder ins Karussell zu tauchen. Auf der Geraden hat man mal zum Umschauen Gelegenheit. Mir fehlte dauernd der Rückspiegel.

Nach 30min waren dann wieder die roten Ampeln an, die Streckenposten wedelten mit den roten Fahnen und man tuckerte raus, quer durchs Fahrerlager und wieder in die Box.

Eine Peinlichkeit ist mir passiert: Beim Beschleunigen auf die Gegengerade starb der Motor. petergr auf Corinnas Breitarsch-M2Mist, dachte ich. Loch im Kolben jetzt schon? Auf dem Schandwagen zurück in die Box? Dann die Erleuchtung! Nach 120km war schon der Sprit alle! Eine M2 hat ja einen Benzinhahn, der hat 'ne Reservestellung und weiter ging's! Die schon im Laufschritt herbeieilenden Streckenposten konnten wieder zurückschlendern.

Und nun Du!

Also, beim nächsten mal bist Du bitteschön auch dabei! Es gibt keinen Grund, vor der Rennstrecke Schiss zu haben, denn Du findest immer welche, die noch schlechter sind ;-) Twins Only im August, ebenfalls in Oschersleben, ist DIE Gelegenheit. Im letztes Jahr war ich zwar da, aber selbst nicht gefahren. Die Stimmung dort war einfach fantastisch, überhaupt nicht aggressiv und ohne irgendwelche Hitzköpfe, die sich nur selbst beweisen wollen. Dort ging es einfach ums schnelle Fahren und nicht ums Ausstechen, ausserdem ist bei Zweizylindern die Zusammensetzung harmonischer - ganz abgesehen von den fehlenden Misslauten durch Vierzylinder.

- petergr